„Es wird mit zweierlei Maß gemessen“

IMG 0025Vortrag von Johannes Gerster zur „Geschichte des Nahostkonflikts: Ursachen – Lage – Lösung?“.

 

Gut 60 Zuhörinnen und Zuhörer kamen am 24. Februar ins Stadthaus nach Mannheim, um mit dem ehemaligen DIG-Präsidenten Dr. h. c. Johannes Gerster über den Nahostkonflikt zu diskutieren und sich ein Bild von der aktuellen Lage zu machen.

 

 

Johannes Gerster gab zunächst einen kurzen Abriss der Geschichte des Staates Israel, bei dem er vor allem dessen Existenzrecht betonte, das für ihn jedoch nicht in biblischen Landverheißungen gründet. Vielmehr gehe es klar aus dem UNO-Beschluss von 1947 hervor, der 1948 zur Staatsgründung führte. Dass auch manche Deutsche das Existenzrecht Israels infrage stellten, zeige, wie sehr mit unterschiedlichem Maß gemessen werde, könnten dann doch so gut wie alle Staaten im Nahen Osten und alle afrikanischen Staaten infrage gestellt werden, da allen diesen Staatenbildungen politische Willensakte zugrunde lagen – überwiegend von fremden Herrschern oder Institutionen wie der UNO. Seit Gründung des Staates Israel sehe sich die einzige Demokratie im Nahen Osten jedoch Anfeindungen und Angriffen ausgesetzt. Wer heute allein die israelische Siedlungspolitik als Ursache für die andauernden Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern ansehe, täusche sich. Es gehe eben nicht nur um Grenzen. Der Nahostkonflikt stelle eine Besonderheit dar, da sich dort mehrere Konflikte überlagerten: Einmal kämpften Palästinenser und Juden um das gleiche Land. Zugleich sei dieser Regionalkonflikt jedoch überlagert durch den Kampf islamischer Fundamentalisten gegen die westliche Demokratie. Gäbe es Israel nicht, so der DIG-Ehrenpräsident, würden islamische Fundamentalisten dennoch gegen den Rest der Welt bomben.

 

Was also tun? Hier zeigte Gerster noch einmal die möglichen Lösungen auf: Besatzung, die Vertreibung eines der Völker, ein Staat mit zwei Nationen oder die Zweistaatenlösung. Einzig Letztere könne jedoch dauerhaft Bestand haben. Gerade die Zweistaatenlösung sei heute aber in weite Ferne gerückt. Das Publikum hörte Gerster gebannt zu, da er wie kaum ein anderer tiefe Einblicke in die politische Lage hat: Nach seinem Rückzug aus der Politik leitete er von 1997 bis 2006 die Konrad-Adenauer-Stiftung in Jerusalem. Dort setzte er sich in vielen Initiativen für einen Ausgleich zwischen Israelis und Palästinensern ein. Die Lage habe sich seitdem aus drei Gründen wesentlich verschlechtert. Erstens, weil in Gaza niemand regiere, mit dem sich Israel an einen Verhandlungstisch setzen könne. Zweitens, weil die USA zu sehr an Glaubwürdigkeit verloren hätten und nicht mehr als Vermittler infrage komme. Und drittens, weil angesichts der Gewalt in den arabischen Nachbarstaaten kein Boden für Frieden in der Region bestehe.

 

Einen Ausweg aus dieser Aporie sieht der Ehrendoktor der Universität Tel Aviv derzeit nicht. Er endete jedoch mit dem Appell an die Deutschen, nicht länger mit zweierlei Maß zu messen und von der Demokratie Israel alles zu verlangen und zugleich den Palästinensern alles nachzusehen. Genau hinzuschauen und Gerechtigkeit walten zu lassen, sei eine Aufgabe für Europa. Und so bedankte sich dann auch eine Zuhörerin bei Johannes Gerster für sein gerechtes Urteil über Israel.

 

Der Vortrag war Auftakt zu einer Reihe, die die DIG-Rhein-Neckar als Partnerin des Arbeitskreises gegen Antisemitismus und Antizionismus Mannheim im Frühjahr 2015 mitveranstaltet. Der Arbeitskreis um Gabi Gumbel hat sich letzten Sommer gebildet, um ein weiteres Gegengewicht gegen Antisemitismus und Antizionismus in der Metropolregion Rhein-Neckar zu setzen.

Katja Bär

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