Die Einsamkeit Israels ‒ Über den Zusammenhang von Antisemitismus und Antizionismus

Vortrag von Stephan Grigat

 

Stephan GrigatAm 11. März sprach und debattierte Stephan Grigat, Lehrbeauftragter an den Universitäten Wien und Graz sowie wissenschaftlicher Direktor von »Stop the Bomb« (http://de.stopthebomb.net/), im Jugendkulturzentrum FORUM in Mannheim vor etwa 45 Zuhörerinnen und Zuhörern. Zentrales Thema der Veranstaltung war die Betrachtung antizionistischer Ideologie als Ausdrucksform einer spezifischen Form von Antisemitismus. Der Vortrag war Teil einer Veranstaltungsreihe zu Antisemitismus und wurde vom »Arbeitskreis gegen Antisemitismus und Antizionismus Mannheim« in Zusammenarbeit mit der DIG Rhein-Neckar organisiert.


Thematisch und strukturell orientierte sich der Vortrag eng an der jüngsten Publikation des Re-ferenten »Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung«. Zu Anfang entfaltete Stephan Grigat einen kurzen historischen Überblick über die Entstehung der antizionistischen Ideologie. Dabei wurden die Heterogenität und Wandelbarkeit der antizionisti-schen Bewegung verdeutlicht. Insbesondere führte Grigat in diesem Zusammenhang aus, wie die israelische radikale antizionistische Linke als Stichwortgeber für antisemtische Strömungen fungiert. Diese israelische Minderheitenposition wird von der deutschen Medienlandschaft unverhältnismäßig häufig aufgenommen und rezipiert.

 

Klassische antisemtische Denkfiguren finden sich mittlerweile unter dem Label »Israelkritik« immer häufiger im politischen Mainstream. Es geht dabei nicht um eine legitime Kritik an israelischer Politik, vielmehr wird das Existenzrecht Israels infrage gestellt. Besonders deutlich wird diese problematische Entwicklung an den Debatten, die Günter Grass und Jakob Augstein angestoßen haben.

 

Grigat führte weiter aus, dass die zionistische Bewegung als unmittelbare Reaktion auf einen beständigen und zunehmenden Antisemitismus sowie gescheiterte Emanzipationserwartungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand. Der Staat Israel ist Garant dafür, dass sich Auschwitz nicht wiederhole, ihm kommt die Funktion einer Selbstverteidigung gegenüber dem Antisemitismus zu. Spätestens nach der Shoah kann man Antizionismus nicht mehr als »unschuldige« Ideologie begreifen; Israel das Existenzrecht abzusprechen, ist per se als antisemitisch zu bewerten. Die häufige Bezeichnung »künstliches Gebilde« für den jüdischen Staat delegitimiert und denunziert Israel und verkennt dabei, dass Staatsgründungen bis auf wenige Ausnahmen nie Resultate »natürlicher« Prozesse waren.

Grigat knüpfte an Natan Sharansky an, als er doppelte Standards, Dämonisierung und Delegitimierung als eindeutige Indikatoren für eine antisemitische Kritik an Israel benannte. Zugleich be-tonte er, dass gleiche Standards in der Bewertung sich auch auf gleiche/ähnliche Situationen bezie-hen müssen. Dass der Staat der Überlebenden der Shoah seit seiner Gründung besonders bedroht ist, muss mithin bei der Beurteilung israelischer Politik berücksichtigt werden; es kann nicht der gleiche Maßstab angelegt werden, der Geltung hätte, wenn Israels Existenzrecht unhinterfragt wäre.

 

Weite Teile der Öffentlichkeit interpretieren den arabischen Antisemitismus als Reaktion auf die Gründung Israels. Stephan Grigat legte hingegen dar, dass er die zentrale Ursache für die Entstehung des Nahostkonflikts ist. Schon vor der Staatsgründung Israels in den 20er- und 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts kam es zu antijüdischen Pogromen von Teilen der arabischen Bevölkerung (z. B. Massaker von Hebron 1929), die zum Tod Hunderter Jüdinnen und Juden führten. Besonders der Großmufti von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, ein Bewunderer der Nationalsozialis-ten, war daran federführend beteiligt und übt bis heute auf die arabische antizionistische Bewe-gung einen nicht zu unterschätzenden Einfluss aus. Vor allem im arabischen Aufstand 1936‒39 ging der Großmufti auch gegen seine arabischen Gegner mit aller Härte vor.

 

Grigat führte weiter aus, dass Israel wird bis heute in seiner Existenz bedroht wird. Übergriffe seiner arabischen Nachbarstaaten und antisemitische Vernichtungsdrohungen werden von der Weltöffentlichkeit hingenommen, nachvollziehbare israelische Forderungen nach Sicherheitsgarantien nicht erfüllt. Israel ist mittlerweile vielmehr isoliert und wird als wesentliche Ursache des Nahostkonflikts begriffen.
Der Friedensprozess in den 1990er-Jahren ist als direkte Folge einer zunehmend existentiellen Bedrohung Israels durch das iranische Regime zu betrachten, führte der Referent aus. Der elimina-torische Antisemitismus Irans war ein Hauptmotiv für Jitzchak Rabin, eine Reihe von Abkommen zur Lösung des Nahostkonflikts abzuschließen. Bekanntermaßen scheiterten die Bemühungen mit Ausnahme des Friedensschlusses mit Jordanien 1994. In den Verhandlungen, die Israelis und Palästinenser im Jahr 2000 in Camp David führten, war Ehud Barak zu weitreichenden Zugeständnissen bereit. Die palästinensische Delegation unter Führung Arafats lehnte das Angebot indes kategorisch ab. Es folgte stattdessen die zweite Intifada, die hohe Verluste für Israel zur Folge hatte.


Am Ende des Vortrags beleuchtete Stephan Grigat die Politik der Islamischen Republik Iran ge-genüber Israel. Er betonte, dass das iranische Regime eine ernsthafte Gefahr für den Weltfrieden darstellt und das politische Ziel der Sturz des Regimes sein muss. Bisher wurden keine wirkungsvol-len Wirtschaftssanktionen gegen den Iran verhängt und es bestehen auch keine ernsthaften Absichten, dies in Zukunft zu ändern.

 

Wenn der Iran in Besitz von Atomwaffen gelangen sollte, hat dies weitreichende Konsequenzen. Es ist zu vermuten, dass ein gefährliches Wettrüsten in der Region die Folge wäre und es auf-grund der zugespitzten Bedrohungslage zu erheblichen Auswanderungsbewegungen von Israelis kommt. Aktuelle Entwicklungen im Zusammenhang mit dem IS fördern die Legitimation des Irans und werten ihn als vermeintlichen Partner im Kampf gegen Terrorismus auf. Bei dieser zunehmenden existentiellen Bedrohungslage ist es durchaus realistisch, dass Israel bei einer weiteren Zuspitzung zu einem eigenständigen Handeln gezwungen wird.

Petra Schäfer/Gabi Gumbel, AK gegen Antisemitismus und Antizionismus Mannheim

 

Literaturtipp:
Stephan Grigat: Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedro-hung (= konkret texte 64), Hamburg 2014 (ISBN: 978-3-930786-73-2, 19 Euro)

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