"In Israel gehört das Scheitern dazu"

Grisha Alroi-Arloser
Vortrag von Grisha Alroi-Arloser am 15. Juli in Mannheim

 

„In Israel ist die Risikobereitschaft höher“, erläuterte Grisha Alroi-Arloser, der Geschäftsführer der deutsch-israelischen Handelskammer in Tel Aviv, den Grund dafür, warum Israel nach den USA die höchste Anzahl an Firmem-Start-ups weltweit hat. „Während in Deutschland wirtschaftliches Scheitern als Makel angesehen wird, gehört in Israel das Scheitern dazu und führt nicht dazu, dass Geldgeber für zukünftige Projekte abgeschreckt sind.“ Der Referent war am 15. Juli auf Einladung der Universität Mannheim und der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Arbeitsgemeinschaft Rhein-Neckar, Mannheim in die Quadratestadt gekommen, um zu beschreiben, warum Israel heute einer der attraktivsten Technologiestandorte weltweit ist.


Allein schon die Zahlen sind imponierend: Israel, das zur Staatsgründung 1948 ein reines Agrarland war, hat heute ein Bruttoinlandsprodukt von mehr als 37.000 US-$ und liegt damit im oberen Feld aller EU-Staaten. Trotz eines Bevölkerungswachstums von rund 2% beträgt das Wirtschaftswachstum immer noch 2,5%; Deutschland, dessen Bevölkerung trotz Zuwanderung derzeit nicht wächst, beträgt nur 1,5%. In Israel gibt es derzeit 4.000 Start-up Firmen, auf die Bevölkerung bezogen ergibt das einen unglaublichen Wert von 1 Start-Up-Unternehmen pro 2.000 Einwohner. Um an der dieser Gründerszene zu partizipieren, unterhalten mittlerweile viele Weltfirmen Entwicklerzentren und Tochterfirmen in Israel.

 

So ist es auch nicht erstaunlich, dass bedeutende Produktentwicklungen aus Israel kommen: so beispielsweise Intel-Chips, Handy-Patente, der USB-Stick, Software-Programme von Windows, das Chatprogramm ICQ oder das Navigationssystem Waze. Aber auch in anderen Wirtschaftsbereichen wie dem Agrar- und Umweltbereich oder der Medizintechnik hat Israel wichtige Produkte auf den Markt gebracht.
Neben der größeren Risikobereitschaft sind für Grisha Alroi-Arloser für den wirtschaftlichen Erfolg Israels noch weitere Gründe entscheidend:
Allen voran hat Israel die höchsten Bildungsausgaben pro Kopf weltweit. Dem Land war aus Ermangelung an Rohstoffen, seiner Wasserknappheit und seines rasanten Bevölkerungswachstums früher als anderen Nationen die Notwendigkeit bewusst in Bildung investieren zu müssen. Diese Ausgaben werden sowohl von der Politik, aber auch vom Militär unterstützt, das vor dem Hintergrund der ständigen Bedrohung durch Israels Nachbarn dauerhaft nach besserer Militärtechnik forscht. Viel Know-How, das zunächst vom Militär für militärische Zwecke entwickelt wurde, findet später dann den Weg in zivile Produkte.

 

Entscheidend für den Transfer von Know-How von der Forschung & Wissenschaft in den freien Markt hält der Referent die 16 Technology Transfer Offices (TTO) der Universitäten und anderer Forschungseinrichtungen. Die TTOs sind Büros, die wissenschaftliche Erkenntnisse an Firmen verkaufen, um sie für den Markt verfügbar zu machen. Da jedoch das geistige Eigentum bei den wissenschaftlichen Institutionen verbleibt, erhalten diese Lizenzgebühren, die sie in neue Forschungsvorhaben investieren können.

 

Aufgrund der wirtschaftlichen Stärke Israels hat Israel nur wenig Warenaustausch mit seinen direkten Nachbarn, dafür aber umso mehr mit der Europäischen Union. Seit 1994 besitzt Israel einen „Privilegierter Status“ Israels bei der EU. Es hat gegenüber anderen Nicht-EU-Staaten seitdem nicht nur Zollprivilegien, sondern kann Gelder beantragen, auf die sonst nur EU-Mitgliedsländer Anrecht haben.

 

Die wirtschaftlichen Kontakte zwischen Deutschland und Israel begannen mit dem Luxemburger Abkommen von 1952, in dem Deutschland dem jungen Staat Israel Entschädigungsleistungen zusicherte und dafür auch Investitionsgüter und Maschinen lieferte. Im Jahr 1960 betrug das deutsch-israelische Handelsvolumen gerade einmal 100 Millionen US-Dollar. 2004 lag es bereits bei rund 4,4 Milliarden US-Dollar und wuchs bis 2013 auf gut 7,4 Milliarden. Damit ist Deutschland nach den USA und China Israels drittwichtigster Partner; umgekehrt liegt Israel auf Platz zwei der wichtigsten deutschen Handelspartner im Nahen und Mittleren Osten.

 

Die Kooperationen gründen sich heute auf alle Bereiche der Wirtschaft, expliziert auch auf Hochtechnologie-Sektoren wie Biotechnologie, Maschinenbau und Telekommunikation. Die beiden Volkswirtschaften sind heute nahezu komplementär, so dass beide Länder auf dem Weltmarkt mit Waren aus den gleichen Produktgruppen handeln.

 

Grisha Alroi-Arloser machte aber auch klar, dass es abseits dieser israelischen Erfolgsgeschichte auch Herausforderungen gibt, die das Land in der kommenden Zeit meistern muss: Wie schon heute in Deutschland prognostizierte der Referent in 5-10 Jahren auch in Israel einen Fachkräftemangel, trotz seiner hohen Investitionen in die Bildung. Ähnlich wie andere westliche Länder müsse Israel zudem sozialen Spaltung und der zunehmenden Einkommensarmut entgegenwirken, das heißt dem Phänomen, dass viele Menschen von ihrem Gehalt nicht mehr leben können. Ein Grund für die Einkommensarmut sind die extrem hohen Lebenshaltungskosten in Israel, u.a. verursacht durch den schlecht ausgebauten öffentlichen Personenverkehr das ein Leben abseits der großen Metropolen fast unmöglich macht.

 

Weitere, israelspezifische Herausforderungen sind für Grisha Alroi-Arloser zum einen die Frage, ob das Land auch in Zukunft das Bildungssystem der religiösen Orthodoxen mit so hohen Summen wie bisher bezuschusst oder das Geld stärker in die staatlichen Bildungssysteme investiert. Und zum anderen die Frage, ob die Ausgaben für Infrastrukturprojekte auch weiterhin in den Siedlungsbau im Westjordanland fließen oder verstärkt die Infrastruktur im Kernland Israel ausgebaut wird.

 

Am Ende kam Grisha Alroi-Arloser dann noch auf die riesigen Gasfunde vor der Küste Israels zu sprechen. Sie könnten in der Zukunft große Veränderungen bringen, da es den jüdischen Staat von einem Staat, der seinen gesamten Energiehunger bisher importieren muss, zu einem Rohstoffexporteur macht. Ein Lichtblick neben den anderen Herausforderungen, die es zu meistern gilt.

 

Hannes Greiling

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